Donnerstag, 26. Mai 2016

Musikpost: Patti Smith - Paths That Cross




In den Musikposts wird immer ein Interpret (Sänger, Sängerin oder Band) vorgestellt und ein spezielles Lied von diesem Interpreten. Diesmal: 

Patti Smith - Paths That Cross (Album: Dream of Life, 1988)

                                                                                    https://www.youtube.com/watch?v=Cln_1lthtC0

Über die Sängerin:
Patti Smith ist eine US-Amerikanerin mit irischen Wurzeln, die am 30. Dezember 1946 in Chicago geboren wurde. Also ist die Musik offensichtlich nicht mehr so wirklich...aktuell, ihre große Zeit war viel mehr in den 1970ern und 1980ern. Patti Smith gilt jedoch heutzutage als eine echte Musik-Legende, als Interpretin, die die Punk- und Rockmusik wesentlich geprägt und beeinflusst hat. Aktiv ist sie außerdem immer noch: Vor vier Jahren veröffentlichte sie ihr letztes Album und tourt auch weiterhin regelmäßig. 

Über die Persönlichkeit:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/8/88/PattiSmithHorses.jpg
Als Person wirkt Patti Smith sehr sympathisch - wenn man mal ein Interview mit ihr liest, merkt man, dass sie kein Stück abgehoben ist: Sie bezeichnet sich zum Beispiel einfach als Künstlerin, die gerne Texte schreibt, nicht als großen Musik-Star.
Patti Smith ist eine eindrucksvolle Persönlichkeit, eine Musikerin, die ihren eigenen Weg geht und sich von niemandem vorschreiben lässt, was sie zu sagen oder zu machen hat: Sie hat und hatte noch nie einen Manager, will in ihrer Kreativität lieber unbegrenzt frei sein; als viele Händler in den USA ihr Album "Easter" wegen dem Titel eines Songs und den Bildern im Booklet (hier ging es nicht etwa um Nacktfotos oder so etwas, sondern nur um nicht rasierte Achseln - das war wohl aber der Schock des Jahrhunderts für die oberflächliche Musikbranche) boykottierten, nahm sie das eben hin und veränderte nichts an der Gestaltung, obwohl dadurch der Erfolg des Albums ziemlich gebremst wurde. Und wenn Personen im Publikum heutzutage während Konzerten Handys rausholen, scheut sie sich nicht, die Leute deutlich aufzufordern, endlich ihre "fucking mobile phones" wegzupacken.
Sich bei solchen Sachen nichts vorschreiben lassen und immer ganz frei heraus sprechen - eine Haltung, die ich gut finde!

Über die Musik:
Wie schon gesagt, gehört Patti Smith dem Genre Punk an - wobei das irreführend ist. Einen großen Teil ihrer Lieder würde wahrscheinlich niemand als Punk bezeichnen, z.B. eben "Paths That Cross". Punk verbindet man mehr mit unmelodischem Hardrock, bei dem teils mehr geschrien als gesungen wird (auf einige Lieder trifft das bei ihr schon auch zu, und diese Lieder sind dann relativ anstrengend zu hören, größtenteils sind Pattis Songs aber anders, schöner). 
Insgesamt würde ich ihre Musik mehr als Alternative Rock bezeichnen, nur eben mit einem ganz speziellen Touch, sozusagen der Handschrift von Patti Smith. Die Texte sind oft berührend, poetisch, tiefsinnig und sehr persönlich, erzählen aus ihrem Leben und ihren Gedanken, dabei ist ihre Stimme mit klarem Wiedererkennungswert. Und die Songs an sich sind abwechslungsreich: Da gibt es powervolle Lieder, Balladen, Punkrock-Nummern oder auch häufig Songs, in denen das alles vereint ist - diese sind am interessantesten: Es kann passieren, dass sich eine melancholische, leise Ballade plötzlich zu einem schnellen Rocksong entwickelt - einfach eine interessante, meist sehr schöne Musik!

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/c/c1/Because_the_Night_-_Patti_Smith_Group.jpgGute Lieder:
  • Frederick
  • People Have the Power
  • Amerigo (oder das gesamte Album "Banga")
  • Free Money
  • Because the Night 
Und natürlich mein Favorit: Paths That Cross

Über das Lied:

"On that day filled with grace
On the way to heart's communion
Steps we take, steps we trace
All the way the heart's reunion
[...]

Paths that cross will cross again"
 
"Paths that cross will cross again" - Ein Satz, der irgendwann wahrscheinlich automatisch für jeden eine gewisse Bedeutung im Leben bekommt, wenn es zum Abschied von Personen kommt, die einem wichtig sind. Und das kann auf die verschiedensten Weisen der Fall sein: Wenn gute Freunde oder Freundinnen für längere Zeit wegfahren, wenn man mit Personen den Urlaub verbringt, die man danach erstmal nicht mehr sieht, oder was auch immer, es gibt viele Beispiele für solche Situationen. Und immer weiß man, dass man sich wiedersehen wird bzw. einfach "Paths that cross will cross again" - wenn sich Personen wichtig sind, "kreuzen sich ihre Pfade" früher oder später, dieser (meistens unbewusste) Gedanke wird von der Musik in diesem Song sehr schön beschrieben.
Der Satz wird aber auch in einem ganz anderen Zusammenhang extrem wichtig: Beim Tod eines Familienangehörigen, Freundes etc. Das ist auch der Ursprung des Songs, Patti Smith widmete ihn Samuel Wagstaff, dem Lebensgefährten ihres zwei Jahre später ebenfalls verstorbenen besten Freundes Robert Mapplethorpe. 
Im Fall des Todes einer Person ist "Paths that cross will cross again" ein sehr aufbauender Satz, egal ob oder wie man an ein Leben nach dem Tod glaubt: Der Gedanke, diese Personen auf irgendeine Weise wiederzusehen, ist einfach tröstlich.
Alles an diesem Song - Melodie, Gesang, Musik und auch Text (man sieht, wie poetisch Patti Smith sein kann!) - ist wunderbar! Das Lied gehört zu den schönsten, die ich kenne, die Melodie bleibt einem im Kopf und die Musik, verbunden mit der Stimme der Sängerin, versetzt einen irgendwie automatisch in eine gute Stimmung. Der Song passt bei allen möglichen Gelegenheiten: Lange Autofahrten, ruhige Nachmittage, nette Abende mit Freunden und aus irgendeinem Grund finde ich, würde Patti Smiths Musik sehr gut in Filme passen würde, als Untermalung für gewisse Szenen, z.B.: (Links zu den Songs unten)
    http://www1.pictures.zimbio.com/gi/Patti+Smith+Hunger+Games+Catching+Fire+Premieres+1920Dw7DSHjl.jpg
  • "Amerigo": Personen gelangen in eine neue, völlig unbekannte Welt
  • "Because the Night": Ein Song über Liebe und Leidenschaft, passend als Untermalung für romantische/erotische Szenen
  • "Ghost Dance": Kulte, Rituale, mythische Bräuche, die vollzogen werden (Bereich Fantasy o.Ä.)
  • "Dream of Life": Eine Szene in einer Großstadt, voll mit Menschen und Autos, am besten im 70er-Flair
  • Kein Wunder, dass sie mit dem Song "Capitol Letter" beim Soundtrack von "Tribute von Panem: Catching Fire" vertreten ist 
Auch als Schreibmusik eignen sich deshalb die meisten Lieder wirklich gut!
Quelle der Abbildungen: en.wikipedia.org; zimbio.com
Links zu den benannten Songs:  
  • https://www.youtube.com/watch?v=Mg_Fi1CdQBk (Amerigo)
  • https://www.youtube.com/watch?v=xACZHv-sLCg (Because the Night)
  • https://www.youtube.com/watch?v=cfzqX_88QzM (Ghost Dance)
  • https://www.youtube.com/watch?v=pN3QxxxxVJQ (Dream of Life) 

Montag, 23. Mai 2016

Andreas Brandhorst - Die Stadt

Grundinfos:
  • Autor: Andreas Brandhorst
  • Titel: Die Stadt
  • Erscheinungsjahr: 2011
  • Seiten: 590
  • Genre: Science-Fiction, Mystery-Thriller

Cover:
"Die Stadt" - schon der Titel des Romans hat mich gleich angesprochen: Man kann sich einerseits natürlich sehr viel verschiedenes, aber gleichzeitig auch irgendwie gar nichts wirklich darunter vorstellen, was da auf einen zukommen könnte. Auch das Cover trägt zu diesem Eindruck bei: Bis heute kann ich nicht genau sagen, was darauf eigentlich abgebildet ist: Eine düstere, geisterhaft-blau beleuchtete, gewölbte Halle, bei der aber weder zu erkennen ist, was überall an den Wänden ist (vielleicht ist es ja eine Bibliothek, würde sogar von der Handlung her passen, aber nach Büchern sieht mir das irgendwie nicht aus xD), noch ob es überhaupt einen Boden gibt. Die Schrift in bläulichen Flammen, die aus dem schwarzen Abgrund aufsteigt, ist auch sehr passend. Ein absolut gelungenes und äußerst mysteriöses Cover, in Kombination mit dem Titel weckt es das Interesse, eben weil so unklar ist, worum es denn ungefähr gehen könnte (Natürlich ist das bei sehr vielen Romanen der Fall, aber selten so extrem wie bei "Die Stadt" - einen "vageren" Titel gibt es ja kaum). Also kurz gesagt: Ein tolles Cover und ein interessanter Titel!
Der Klappentext hat mir auch gefallen, weil er eine Mischung aus Science-Fiction und Thriller andeutet:

"Der Tod ist nur der Beginn - Ausgerechnet an seinem vierzigsten Geburtstag hat Benjamin Harthman einen furchtbaren Autounfall. Jede Hilfe kommt zu spät - Harthman stirbt. Doch kurz darauf kommt er wieder zu sich: inmitten einer bizarren Stadt, einer Stadt voller "toter" Menschen. Ist er im Paradies? Oder in der Hölle? Oder ist das alles womöglich eine gigantische Täuschung - und Harthman ist gar nicht tot? Er macht sich auf, das Geheimnis dieser fantastischen Stadt zu ergründen." Quelle: Andreas Brandhorst - Die Stadt, Heyne Verlag, 2. Auflage Originalausgabe 04/2011

Setting:
Der Protagonist Benjamin wird von Louise, einer Bewohnerin der Stadt, aufgefunden. Wie alle anderen Einwohner, ist auch sie bereits gestorben und in der Stadt wieder erwacht. Dort hat sich eine neue Gesellschaftsordnung etabliert
Es gibt die religiöse "Gemeinschaft" des Anführers Hannibal, die die Überzeugung vertritt, der Aufenthalt in der Stadt sei eine Prüfung, bei der entschieden werde, ob man ins Paradies oder in die Hölle kommt und die Stadt an sich sei damit einem Limbus gleichzusetzen. Verstößt man gegen die Regeln dieser Gemeinschaft, die als eine Art Regierung verstanden werden kann, wird man zum Außenseiter und ist dadurch im Dasein in der Stadt benachteiligt. Personen, denen dies widerfahren ist, gehören entweder zu den Unabhängigen (so wie Louise) oder zu den Streunern, einer gewaltbereiten Gegenbewegung zur Gemeinschaft. Beide Gruppen führen ein härteres Leben als Mitglieder der Gemeinschaft, sind aber nicht den Regeln und Ordnungen Hannibals unterworfen.
Die Stadt selbst ist ein sehr mysteriöser Ort: Da gibt es das "Loch", aus dem die Schatten kommen und von dem niemand weiß, wohin es führt, das rätselhafte Labyrinth und schließlich noch den Supermarkt, dessen Regale sich von selbst neu füllen und der auch mal einfach verschwinden kann, wenn es zur ihm missfallenden Gewalt kommt. Außerdem dringt immer wieder ein Nebel in die Stadt vor, in dem die "Kreaturen" lauern. Dieser hält sich sonst an den Grenzen der Stadt und hat die Funktion, sicherzustellen, dass sie von niemandem überschritten werden können.
Brandhorst hat eine hochinteressante Welt entworfen, voll mit mysteriösen, gut ausgearbeiteten Fantasy-Elementen und mit einer spannenden Gesellschaftsordnung. Viele Ideen sind wirklich einzigartig und haben mir sehr gut gefallen. 
Nach ihrem Tod gelangen diese Menschen eben in eine komplett neue Art von Welt - und diese Welt wurde sehr schön ausgearbeitet, voller ungeklärter Mysterien (z.B. allein schon die Frage, welchen Grund es hat, dass nur diese bestimmte Auswahl von Menschen nach ihrem Tod in die Stadt gelangt ist)

Charaktere:
Die Charaktere sind gut ausgearbeitet, auch Nebenfiguren wie der verrückte Wissenschaftler Kowalski oder der Maler Velazquez bleiben nicht blass. Die Vorahnung, dass Louise noch zu einer Hauptfigur wird, bewahrheitet sich, sie bleibt als Figur beabsichtigt rätselhaft, gibt wenig von sich preis. 
Auch der Protagonist Benjamin ist lange eine sehr geheimnisvolle Figur, da er sich nur noch bruchstückhaft an sein Leben erinnern kann und mit verschiedenartigen Erinnerungen konfrontiert wird. Und die Stadt scheint bald mehr mit seinem früheren Leben zu tun zu haben, als er anfangs vermutet.  
Diese Entwicklung Benjamins ist Basis der Spannung des Buches und gestaltet sich deshalb sehr interessant, wodurch "Die Stadt" mehr und mehr zum Thriller wird, der mitreißt, fesselt und vor allem folgende Frage aufwirft: Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Benjamins Leben und der Stadt, in der er sich nun befindet?
 
Aufbau, Sprache und Stil:
Der Schreibstil von Andreas Brandhorst sagt mir sehr zu und hat etwas eigenes, besonderes, das nur schwer zu erklären ist. Schön und angenehm zu lesen ist "Die Stadt" auf jeden Fall. Beschreibungen werden nicht zu oft, sondern in einem passenden Maße angebracht, hierbei sieht man oft, dass Brandhorst es vermag, Umgebungen genial zu beschreiben:

"Vom hellen Licht zahlreicher Lampen der Nacht entrissen, ragte weiter vorn die weiße Fassade eines prunkvollen Gebäudes auf. Mehrere Stockwerke hoch kannelierte Säulen, die Benjamin an das Theater in der Stadt erinnerten, säumten die breite Treppe und wurden an den Flanken zu Pfeilern, die bis zum Dach reichten." Quelle: siehe oben, S. 48

Der Roman ist größtenteils chronologisch geschrieben, der Gesamthandlungsstrang reißt nicht immer wieder ab und setzt neu an (wie es bei Brandhorst häufig der Fall ist - bei "Seelenfänger" oder "Das Artefakt" dreht man deswegen teilweise fast durch). Dennoch werden ungefähr ab der Mitte des Buches immer wieder Rückblenden angebracht: Erinnerungen an Benjamins früheres Leben, wodurch Spannung aufgebaut wird, aber auch viel Verwirrung entsteht, die erst am Ende aufgelöst wird. 
Die Verwirrung ist ein gestaltendes, charakteristisches Element bei Romanen von Andreas Brandhorst, ist in "Die Stadt" jedoch vergleichsweise wenig ausgeprägt und in einem Rahmen, der die Handlung interessant und spannend macht: Man fragt sich, ob die Erinnerungen an den ominösen Dr. Townsend denn nun real sind oder nicht und wie sie nur in die Handlung passen sollen. Die Konfrontation Benjamins mit seiner Vergangenheit in der fantastischen Stadt gestaltet sich als fesselnder Science-Fiction-Thriller.
Immer mal wieder gibt es auch Abschnitte, bei denen man sich denkt...na ja, "Wtf" trifft es am besten (Stichwort: Pendel der Kohärenz - bitte was?), aber es verwirrt nicht zu sehr, dass es stören würde. Brandhorst ist nunmal ein Autor, der dem Leser nicht alles auf dem Silbertablett serviert, genau das macht seine Romane so interessant - "Die Stadt" ist meiner Meinung nach eines seiner besten Werke.

Kurzbewertung:
  • Cover: 1/1
  • Charaktere (Tiefe, Entwicklung...): 2/2
  • Handlung (Spannung, Unterhaltung...): 2/2
  • Setting: 2/2
  • Schreibstil: 2/2
  • Aufbau (Logik, Verwirrung...): 1/1
10/10  Ein spannendes Buch mit einer sehr interessanten Idee, das eindeutig zu empfehlen ist. Erst gegen Ende wird alles aufgelöst, nachdem man lange im Dunkeln tappt. Einer der besten SciFi/Mystery-Thriller, mit interessanten Charakteren und einer komplexeren, packenderen Handlung, als man anfangs denkt!

Quelle der Abbildung: http://www.randomhouse.de/content/edition/covervoila_hires/Brandhorst_ADie_Stadt_100893.jpg