Montag, 23. Mai 2016

Andreas Brandhorst - Die Stadt

Grundinfos:
  • Autor: Andreas Brandhorst
  • Titel: Die Stadt
  • Erscheinungsjahr: 2011
  • Seiten: 590
  • Genre: Science-Fiction, Mystery-Thriller

Cover:
"Die Stadt" - schon der Titel des Romans hat mich gleich angesprochen: Man kann sich einerseits natürlich sehr viel verschiedenes, aber gleichzeitig auch irgendwie gar nichts wirklich darunter vorstellen, was da auf einen zukommen könnte. Auch das Cover trägt zu diesem Eindruck bei: Bis heute kann ich nicht genau sagen, was darauf eigentlich abgebildet ist: Eine düstere, geisterhaft-blau beleuchtete, gewölbte Halle, bei der aber weder zu erkennen ist, was überall an den Wänden ist (vielleicht ist es ja eine Bibliothek, würde sogar von der Handlung her passen, aber nach Büchern sieht mir das irgendwie nicht aus xD), noch ob es überhaupt einen Boden gibt. Die Schrift in bläulichen Flammen, die aus dem schwarzen Abgrund aufsteigt, ist auch sehr passend. Ein absolut gelungenes und äußerst mysteriöses Cover, in Kombination mit dem Titel weckt es das Interesse, eben weil so unklar ist, worum es denn ungefähr gehen könnte (Natürlich ist das bei sehr vielen Romanen der Fall, aber selten so extrem wie bei "Die Stadt" - einen "vageren" Titel gibt es ja kaum). Also kurz gesagt: Ein tolles Cover und ein interessanter Titel!
Der Klappentext hat mir auch gefallen, weil er eine Mischung aus Science-Fiction und Thriller andeutet:

"Der Tod ist nur der Beginn - Ausgerechnet an seinem vierzigsten Geburtstag hat Benjamin Harthman einen furchtbaren Autounfall. Jede Hilfe kommt zu spät - Harthman stirbt. Doch kurz darauf kommt er wieder zu sich: inmitten einer bizarren Stadt, einer Stadt voller "toter" Menschen. Ist er im Paradies? Oder in der Hölle? Oder ist das alles womöglich eine gigantische Täuschung - und Harthman ist gar nicht tot? Er macht sich auf, das Geheimnis dieser fantastischen Stadt zu ergründen." Quelle: Andreas Brandhorst - Die Stadt, Heyne Verlag, 2. Auflage Originalausgabe 04/2011

Setting:
Der Protagonist Benjamin wird von Louise, einer Bewohnerin der Stadt, aufgefunden. Wie alle anderen Einwohner, ist auch sie bereits gestorben und in der Stadt wieder erwacht. Dort hat sich eine neue Gesellschaftsordnung etabliert
Es gibt die religiöse "Gemeinschaft" des Anführers Hannibal, die die Überzeugung vertritt, der Aufenthalt in der Stadt sei eine Prüfung, bei der entschieden werde, ob man ins Paradies oder in die Hölle kommt und die Stadt an sich sei damit einem Limbus gleichzusetzen. Verstößt man gegen die Regeln dieser Gemeinschaft, die als eine Art Regierung verstanden werden kann, wird man zum Außenseiter und ist dadurch im Dasein in der Stadt benachteiligt. Personen, denen dies widerfahren ist, gehören entweder zu den Unabhängigen (so wie Louise) oder zu den Streunern, einer gewaltbereiten Gegenbewegung zur Gemeinschaft. Beide Gruppen führen ein härteres Leben als Mitglieder der Gemeinschaft, sind aber nicht den Regeln und Ordnungen Hannibals unterworfen.
Die Stadt selbst ist ein sehr mysteriöser Ort: Da gibt es das "Loch", aus dem die Schatten kommen und von dem niemand weiß, wohin es führt, das rätselhafte Labyrinth und schließlich noch den Supermarkt, dessen Regale sich von selbst neu füllen und der auch mal einfach verschwinden kann, wenn es zur ihm missfallenden Gewalt kommt. Außerdem dringt immer wieder ein Nebel in die Stadt vor, in dem die "Kreaturen" lauern. Dieser hält sich sonst an den Grenzen der Stadt und hat die Funktion, sicherzustellen, dass sie von niemandem überschritten werden können.
Brandhorst hat eine hochinteressante Welt entworfen, voll mit mysteriösen, gut ausgearbeiteten Fantasy-Elementen und mit einer spannenden Gesellschaftsordnung. Viele Ideen sind wirklich einzigartig und haben mir sehr gut gefallen. 
Nach ihrem Tod gelangen diese Menschen eben in eine komplett neue Art von Welt - und diese Welt wurde sehr schön ausgearbeitet, voller ungeklärter Mysterien (z.B. allein schon die Frage, welchen Grund es hat, dass nur diese bestimmte Auswahl von Menschen nach ihrem Tod in die Stadt gelangt ist)

Charaktere:
Die Charaktere sind gut ausgearbeitet, auch Nebenfiguren wie der verrückte Wissenschaftler Kowalski oder der Maler Velazquez bleiben nicht blass. Die Vorahnung, dass Louise noch zu einer Hauptfigur wird, bewahrheitet sich, sie bleibt als Figur beabsichtigt rätselhaft, gibt wenig von sich preis. 
Auch der Protagonist Benjamin ist lange eine sehr geheimnisvolle Figur, da er sich nur noch bruchstückhaft an sein Leben erinnern kann und mit verschiedenartigen Erinnerungen konfrontiert wird. Und die Stadt scheint bald mehr mit seinem früheren Leben zu tun zu haben, als er anfangs vermutet.  
Diese Entwicklung Benjamins ist Basis der Spannung des Buches und gestaltet sich deshalb sehr interessant, wodurch "Die Stadt" mehr und mehr zum Thriller wird, der mitreißt, fesselt und vor allem folgende Frage aufwirft: Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Benjamins Leben und der Stadt, in der er sich nun befindet?
 
Aufbau, Sprache und Stil:
Der Schreibstil von Andreas Brandhorst sagt mir sehr zu und hat etwas eigenes, besonderes, das nur schwer zu erklären ist. Schön und angenehm zu lesen ist "Die Stadt" auf jeden Fall. Beschreibungen werden nicht zu oft, sondern in einem passenden Maße angebracht, hierbei sieht man oft, dass Brandhorst es vermag, Umgebungen genial zu beschreiben:

"Vom hellen Licht zahlreicher Lampen der Nacht entrissen, ragte weiter vorn die weiße Fassade eines prunkvollen Gebäudes auf. Mehrere Stockwerke hoch kannelierte Säulen, die Benjamin an das Theater in der Stadt erinnerten, säumten die breite Treppe und wurden an den Flanken zu Pfeilern, die bis zum Dach reichten." Quelle: siehe oben, S. 48

Der Roman ist größtenteils chronologisch geschrieben, der Gesamthandlungsstrang reißt nicht immer wieder ab und setzt neu an (wie es bei Brandhorst häufig der Fall ist - bei "Seelenfänger" oder "Das Artefakt" dreht man deswegen teilweise fast durch). Dennoch werden ungefähr ab der Mitte des Buches immer wieder Rückblenden angebracht: Erinnerungen an Benjamins früheres Leben, wodurch Spannung aufgebaut wird, aber auch viel Verwirrung entsteht, die erst am Ende aufgelöst wird. 
Die Verwirrung ist ein gestaltendes, charakteristisches Element bei Romanen von Andreas Brandhorst, ist in "Die Stadt" jedoch vergleichsweise wenig ausgeprägt und in einem Rahmen, der die Handlung interessant und spannend macht: Man fragt sich, ob die Erinnerungen an den ominösen Dr. Townsend denn nun real sind oder nicht und wie sie nur in die Handlung passen sollen. Die Konfrontation Benjamins mit seiner Vergangenheit in der fantastischen Stadt gestaltet sich als fesselnder Science-Fiction-Thriller.
Immer mal wieder gibt es auch Abschnitte, bei denen man sich denkt...na ja, "Wtf" trifft es am besten (Stichwort: Pendel der Kohärenz - bitte was?), aber es verwirrt nicht zu sehr, dass es stören würde. Brandhorst ist nunmal ein Autor, der dem Leser nicht alles auf dem Silbertablett serviert, genau das macht seine Romane so interessant - "Die Stadt" ist meiner Meinung nach eines seiner besten Werke.

Kurzbewertung:
  • Cover: 1/1
  • Charaktere (Tiefe, Entwicklung...): 2/2
  • Handlung (Spannung, Unterhaltung...): 2/2
  • Setting: 2/2
  • Schreibstil: 2/2
  • Aufbau (Logik, Verwirrung...): 1/1
10/10  Ein spannendes Buch mit einer sehr interessanten Idee, das eindeutig zu empfehlen ist. Erst gegen Ende wird alles aufgelöst, nachdem man lange im Dunkeln tappt. Einer der besten SciFi/Mystery-Thriller, mit interessanten Charakteren und einer komplexeren, packenderen Handlung, als man anfangs denkt!

Quelle der Abbildung: http://www.randomhouse.de/content/edition/covervoila_hires/Brandhorst_ADie_Stadt_100893.jpg 

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