Grundinfos:- Autor: Stephen Baxter
- Titel: Evolution
- Erscheinungsjahr: 2002
- Seiten: 941
- Genre: Science-Fiction
Das Cover ist nicht aufwendig gestaltet, muss es ja auch nicht unbedingt sein. Aber die Ansicht der Erde aus dem Weltall gefällt mir einfach gut, das hat etwas (Jedoch finde ich das Cover der anderen Ausgabe des Heyne-Verlags, ebenso die englische Originalausgabe, eindeutig schöner; Abbildungen weiter unten) Mich hat aber ohnehin eher der Titel des Romans angesprochen: Evolution - Das klingt ja mal nach etwas ganz anderem, gerade in Verbindung mit "Meisterwerke der Science-Fiction". Bei diesem Thema gibt es natürlich viele mögliche Ideen, die man verarbeiten könnte, ich war gespannt, was Stephen Baxter daraus gemacht hat.
Mir wurde klar, dass dieses Buch etwas wirklich Besonderes ist und einen sicher kein klassisches Science-Fiction erwartet, nachdem ich den Klappentext gelesen hatte. Schon der erste Satz "Die gesamte Geschichte der Menschheit in einem einzigartigen Roman" weckt das Interesse: Wie ist das denn mit Science-Fiction zusammenzubringen? Was für eine Story, was für Protagonisten könnte es da geben? Und worum geht es dabei überhaupt im Endeffekt?
"Sie traten zum ersten Mal auf, als die Dinosaurier die Erde beherrschten. Sie entwickelten sich in Jahrmillionen auf einer Welt voll tödlicher Gefahren. Bis sie schließlich ihren Heimatplaneten hinter sich ließen. Dies ist ihre Geschichte. Es ist unsere Geschichte" Quelle: Stephen Baxter - Evolution, Neuausgabe 1/2014, Heyne VerlagAn diesem Klappentext stört mich eine Sache im Nachhinein: Der Satz "Bis sie schließlich ihren Heimatplaneten hinter sich ließen". Dieser Satz verwirrt, man erwartet dadurch, dass die Geschichte sich irgendwann von der Erde wegbewegt, was aber nicht der Fall ist: Von der ersten bis zur letzten Seite spielt "Evolution" auf der Erde, das passt also nicht so in den Klappentext.
Man fragt sich nach diesem ersten Eindruck natürlich auch, wie es mit der Spannung wird: Interessant ist das Thema ja auf jeden Fall, aber kann man daraus ein richtig mitreißendes, durchweg spannendes Buch machen? Leider ist das Stephen Baxter nicht wirklich gelungen: Die Spannung bleibt leider häufig auf der Strecke und fesselnd ist "Evolution" insgesamt betrachtet nicht unbedingt. Das liegt vor allem am Aufbau des Buches, der aber durch die Thematik gezwungenermaßen nicht groß anders sein kann: Klammert man die Geschichte im kurzen Prolog und Epilog, sowie in einem weiteren Kapitel und einem ebenfalls sehr kurzen "Zwischenspiel" aus, besteht der Roman aus einzelnen, aneinandergereihten Kurzgeschichten aus verschiedenen Zeitaltern: In jeder "Kurzgeschichte", also in jedem Kapitel (je ca. 45-65 Seiten), befindet sich die Menschheit in einer bestimmten Entwicklungsstufe, daher gibt es logischerweise immer neue Protagonisten. Diese sind jeweils Hominiden (also Vorläufer/Entwicklungsstufen des Menschen). Das Buch ist in drei Teile gegliedert:
- Teil 1: Vorfahren (Protagonisten haben kaum Ähnlichkeit mit Menschen, z.B. das katzenartige Wesen "Purga" im ersten Kapitel)
- Teil 2: Menschen (Steinzeit bzw. heutig entwickelte Menschen)
- Teil 3: Nachfahren (Nachfahren der Menschheit)
Wie schon angesprochen gibt es aber einige Schwächen, unter denen insbesondere die Spannung leidet: Dadurch, dass "Evolution" aus einzelnen Geschichten besteht, werden die Figuren vergleichsweise wenig ausgearbeitet, auch die Protagonisten. Und es geht einem oft so, dass die Geschichte gerade beginnt, richtig spannend zu werden, dass man sich fragt, wie es jetzt mit dem Protagonisten weitergehen wird - und das Kapitel dann endet, die jeweilige Geschichte damit also komplett abbricht und nicht weitergeht. Man muss sich stetig auf etwas ganz Neues einlassen - das ist einerseits etwas anstrengend, andererseits auch noch zum Teil recht eintönig, weil es dann doch nichts wirklich Neues ist. Im Großteil der Kapitel (also der "Kurzgeschichten") gibt es fast schon eine Art "Muster", d.h. die Handlungsthemen sind immer sehr ähnlich: Verfolgungen oder Flucht vor Feinden, Überlebenskampf, Sex, das soziale Leben in der Gemeinschaft, und der Einfluss der Natur stehen meist im Vordergrund. Besonders abwechslungsreich ist das nicht, man hat immer wieder das Gefühl, dass sich Dinge wiederholen. Manche Sachen werden auch unnötig lange ausgebaut.
Außerdem liegt der Fokus sehr auf den Vorfahren und den Urmenschen, die ja lange noch keine Sprache entwickelt hatten - in über der Hälfte des Buches gibt es somit keine Dialoge, dadurch wird es auch etwas zäh.Es ist viel Geduld erforderlich, dennoch gibt es auch ziemlich interessante Dinge an der Geschichte bzw. den Geschichten: Durch Rückgriffe auf vorherige Charaktere und Vorgriffe auf die heutige Menschheit wird gezeigt, wie sich die Gesellschaften, Gemeinschaften, die Wahrnehmung von anderen, Hierarchien oder auch beispielsweise Religion entwickelt haben. Das ist wiederum äußerst spannend, einem wird bewusst, wie philosophisch "Evolution" ist: Man erkennt Parallelen zu unserer heutigen Gesellschaft, versetzt sich in die eigenen Vorfahren herein und erlebt die Welt aus ihrem damaligen Blickpunkt: Enge Beziehungen, wie Freundschaften oder wahre Liebe gab es lange nicht, ebensowenig Gemeinschaften im heutigen Sinn, es ist interessant, zu verfolgen, wie sich solche Dinge erst entwickelt haben - Dinge, die uns heute als Mensch ausmachen: Empathie, Liebe (die nicht wie vor Jahrmillionen nur wegen dem Wunsch nach Fortpflanzung oder Sex besteht), Sozialität (nicht nur reine "Zweckgemeinschaften", gegenseitige Hilfe) oder Freundschaften (ein Prinzip, dass es nicht mal wirklich gab). Solche Gedanken macht man sich, nachdem man das Buch gelesen hat bzw. während man es liest - es ist etwas ganz Spezielles, man muss sich darauf einlassen und damit klarkommen, dass die Spannung eben immer wieder abhanden kommt. Obwohl das recht häufig der Fall ist, hat "Evolution" etwas, die Idee ist einzigartig, die Thematik sehr interessant, wenn auch im Handlungsrahmen manchmal redundant - und ein stärkerer Fokus auf die Nachfahren, als auf die Vorfahren hätte dem Buch gutgetan.
Beim Schreibstil gibt es leider auch ein paar Schwächen: Es wird oft zu detailliert beschrieben (beispielsweise bei Umgebungen). Dafür ist es Stephen Baxter aber gut gelungen, die Sprache nicht zu wissenschaftlich zu gestalten, was ja beim sehr biologischen Thema "Evolution" durchaus eine Gefahr ist. Die Sprache ist immer verständlich, natürlich ist hier und da von Adaption und Selektion die Rede, es wirkt aber nie schulbuchmäßig oder unpassend wissenschaftlich.
Regelmäßig kommt es auch zu ungeschickten Wortwiederholungen - vielleicht liegt es ja an der Übersetzung, aber das ist mir wirklich mehrmals aufgefallen. Oft hat es dafür aber auch Abschnitte, in denen Stephen Baxter einzigartig wunderschön schreibt:
"Der Skythe hob an zu sprechen. Seine fließenden Vokale und verschliffenen Konsonanten klangen wie ein Lied, das von Papaks hölzerner Übersetzung kaum beeinträchtigt wurde - ein Lied der Wüste, das in die schwüle italienische Nacht emporstieg."Stephen Baxter beherrscht die Sprache schon genial, er ist ein Meister der Beschreibungen mit viel Liebe zum Detail!
Hat mich "Evolution" also überzeugt? Das ist schwer zu sagen. Einerseits erwartet man sich mehr in puncto Spannung und Science-Fiction, der Teil "Nachfahren" ist leider nur sehr kurz und, wie schon beschreiben, mangelt es oft an Spannung, die dazu geführt hätte, dass man wirklich mitgerissen wird. Außerdem ist es schade, dass die Geschichte, die im Prolog beginnt, sehr kurz kommt - die Idee ist wirklich interessant, da hätte man eventuell mehr draus machen können (z.B. abwechselnd ein Kapitel Hauptgeschichte und ein Kapitel als "Kurzgeschichte" aus der Vergangenheit/Zukunft). Schlecht ist "Evolution" aber auf gar keinen Fall, denn es ist ein hoch philosophisches Buch mit einer sehr tiefen, interessanten Thematik: Es geht um uns Menschen, unsere Entwicklung, unser Bewusstsein und so weiter. Man macht sich Gedanken, was da so alles in unserer frühen Geschichte passiert ist: Veränderungen der zwischenmenschlichen Beziehungen zum Beispiel, die so weit gingen, dass wir inzwischen tiefe, aufrichtige Beziehungen zu Familie, Freunden und Geliebten aufbauen können. Und ich zumindest hab mir auch die Frage gestellt, wieso sich manches so schlecht entwickelt hat: Wie konnte es dazu kommen, dass es Kriege gibt, dass Rassismus und Intoleranz entstanden sind oder auch, dass wir die Natur, der wir einst so verbunden waren, kaum mehr achten und teilweise vernichten.
Einzigartig - mit diesem Wort lässt sich Stephen Baxters Roman am besten beschreiben. Ein Buch mit Stärken und Schwächen, aber auf jeden Fall mit einer sehr interessanten Thematik, die einen anspricht und berührt, wenn man darüber nachdenkt!
Quellen der Abbildungen:
- http://www.randomhouse.de/content/edition/covervoila/351_53447_143430_xl.jpg
- https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51Q9TFJVDRL.jpg
- http://ecx.images-amazon.com/images/I/71n%2B37NhxWL.jpg
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